Das Frauenwahlrecht: ein Meilenstein auf dem Weg zur Geschlechterparität

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Das Wahlrecht ist ein unschätzbar hohes Gut, wie uns die Geschichte zeigt. Und es ist ein wichtiger Schritt in Richtung Geschlechterparität – aber noch gibt es viel zu tun.

Als ich in die Schweiz zog und mein Studium in International Affairs & Governance begann, tauchte ich tief in die Geschichte, Politik und Kultur des Landes ein. Ich wollte unbedingt mehr über die direkte Demokratie der Schweiz wissen und wunderte mich über den aus sieben Mitgliedern bestehenden Bundesrat. Dann stiess ich auf die kuriose Tatsache, dass die Schweiz eines der letzten europäischen Länder war, in denen Frauen das Recht zu wählen erhielten. Das war 1971, mehr als ein halbes Jahrhundert nach Einführung des Frauenwahlrechts in den USA. Heute können Frauen in jedem Land der Welt, in dem Wahlen abgehalten werden, wählen. Als jemand, der sich mit Impact-Investments beschäftigt, freue ich mich über die Fortschritte in puncto Gleichbehandlung der Geschlechter und die weltweit zunehmende Sensibilisierung für dieses Thema. Aber je mehr Daten ich mir ansehe, desto deutlicher wird mir, wie weit wir noch von echter Gleichbehandlung entfernt sind.

In den USA ist das Jahr 2020 ein wichtiges Jahr für die Geschlechterparität. Vor genau 100 Jahren wurde der 19. Zusatz zur Verfassung der Vereinigten Staaten verabschiedet, mit dem in den USA das allgemeine Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Der Kampf um den Verfassungszusatz dauerte mehr als 70 Jahre, angefangen mit der traditionell als Auftakt der amerikanischen Frauenrechtsbewegung betrachteten Seneca Falls Convention. Interessant ist, dass von dem einen Dutzend bei der Frauenrechtskonferenz gefassten Beschlüssen das Frauenwahlrecht der einzige war, der nicht einstimmig gefasst wurde. Tatsächlich war das Thema damals sehr umstritten und sogar Gegenstand von Spott.

In den darauffolgenden Jahrzehnten sahen sich die Suffragetten mit starkem Widerstand konfrontiert und mussten oft verbale und körperliche Misshandlungen ertragen, wenn sie schrieben, demonstrierten, Petitionen einreichten, vor Gericht gingen oder sogar in den Hungerstreik traten, um auf Veränderungen zu drängen. Nicht nur Frauen, sondern auch Männer machten sich für mehr Gleichheit und Freiheit für sich selbst und ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger stark. Viele Aktivisten setzten sich sowohl für die Rechte der Frauen als auch für die Abschaffung der Sklaverei ein, zwei Bewegungen, die eng miteinander verknüpft waren. Zum Zeitpunkt der Seneca Falls Convention im Jahr 1848 durften nur weisse Männer wählen, die mindestens 21 Jahre alt waren und Landbesitz hatten. Der Ausschluss vom Wahlrecht aufgrund der Rasse wurde erst 1870 aufgehoben, wobei diskriminierende Praktiken auch danach noch viele Männer daran hinderten, ihr Recht wahrzunehmen. Die Ureinwohner Amerikas durften erst 1924 wählen gehen.

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Frauenrechtlerinnen demonstrieren vor dem Weissen Haus

Das Wahlrecht gilt als eines der grundlegendsten Bürgerrechte und die Durchsetzung des Frauenwahlrechts war ein grosser Sieg für die amerikanischen Frauen. Die volle Gleichberechtigung der Frau wurde (und ist) aber weiterhin nicht gesetzlich verankert. Deshalb brachte die führende Frauenrechtlerin Alice Paul 1923 einen Entwurf für einen Verfassungszusatz – das Equal Rights Amendment (ERA) – im US-Kongress ein, der die Gleichberechtigung aller amerikanischen Bürger unabhängig vom Geschlecht garantieren sollte. Fast 50 Jahre später wurde das ERA von beiden Kammern des Kongresses verabschiedet. Aber das hiess noch nicht viel: Um in die Verfassung aufgenommen zu werden, musste das ERA vor Ablauf der vom Kongress gesetzten Frist (und der folgenden Fristverlängerungen) von 38 Bundesstaaten ratifiziert werden – wozu es nie kam. Genauso ironisch wie traurig ist, dass das ERA vor allem aufgrund der Bemühungen einer Frau – der konservativen Aktivistin Phyllis Schlafly – scheiterte. Überzeugt, dass der Verfassungszusatz einen moralischen Verfall in der amerikanischen Gesellschaft befördern und Hausfrauen und Mütter ihrer Privilegien berauben würde, startete sie die STOP ERA-Kampagne. Ihre Geschichte wurde vor Kurzem von der Emmy-nominierten Miniserie «Mrs. America» mit Cate Blanchett aufgegriffen.

In jüngerer Zeit hat die Verabschiedung des ERA mit der #MeToo-Bewegung und der vierten Welle des Feminismus wieder mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Und schliesslich ratifizierte Virginia Anfang dieses Jahres als 38. Bundesstaat den Verfassungszusatz und das Repräsentantenhaus verabschiedete eine Resolution zur Abschaffung der Ratifizierungsfrist. Jetzt ist die Verfassungsänderung anhängig, da der Senat erst noch nachziehen muss. Aber: Ist ERA heute überhaupt noch relevant? Schliesslich sind viele Formen der geschlechtlichen Diskriminierung bereits durch neue Gesetze abgedeckt, und der Oberste Gerichtshof war bereits 1971 von der jungen Ruth Bader Ginsburg überzeugt worden, die Gleichbehandlungsklausel des 14. Verfassungszusatzes, die den gleichen Schutz vor dem Gesetz garantiert, auch auf Frauen anzuwenden. Noch immer aber weisen die Gesetze in Bezug auf die Ahndung von Diskriminierung grosse Lücken auf, vor allem in den Bereichen sexuelle Belästigung und gleicher Lohn für gleiche Arbeit.

Die volle Gleichstellung von Frauen ist längst überfällig und wird am Arbeitsplatz und bei Investitionsüberlegungen immer wichtiger. Wir bei responsAbility fördern eine inklusive Unternehmenskultur und berücksichtigen bei unseren Investitionsentscheidungen auch Kriterien in Bezug zur Geschlechterparität. Unsere Gender & Diversity Advisory Group verfolgt die Entwicklung wichtiger diesbezüglicher Kennzahlen sehr aufmerksam, um die Vielfalt, Gleichbehandlung und Inklusion auf Unternehmensebene zu bewerten und zu garantieren. Ausserhalb unseres Unternehmens erreichen wir mit unseren Initiativen zur finanziellen Inklusion fast 45 Millionen Frauen in Schwellenländern und integrieren Gender-Lens-Investing-Prozesse in unser Angebot. Unser Energy Access Fund hat die Akkreditierung durch die 2X Challenge beantragt, eine Initiative zur Förderung von Investitionen, die Frauen in Entwicklungsländern den Zugang zu Führungspositionen ebnen, hochwertige Arbeitsplätze für sie schaffen, ihnen Finanzierungs- und Unternehmensförderung bieten und ihnen Produkte und Dienstleistungen bereitstellen, die ihnen eine bessere Teilhabe am wirtschaftlichen Leben ermöglichen. Darüber hinaus verstärken wir unsere Bemühungen mit Technical-Assistance-Projekten, die unseren Investitionsnehmern Best-Practice-Ansätze in den Bereichen Geschlechtergleichstellung und Diversität vermitteln.

Wir alle – ob Mann oder Frau – sind Wegbereiter des Wandels in unseren Ländern, unseren Gemeinschaften, unseren Unternehmen und unserem engsten Kreis. Also werdet aktiv: Beginnt mit dem Bewusstsein, dass wir als Bürger noch nicht vollständig gleich sind, und unterstützt und fordert die notwendigen Veränderungen. Vor allem aber nehmt eines der wertvollsten Rechte überhaupt wahr: Geht wählen!

Carolina-De-Azevedo

Die Autorin

Carolina de Azevedo hat mehr als zehn Jahre Erfahrung im Finanzsektor in Europa und Lateinamerika. In ihrer aktuellen Position als Senior Manager bei responsAbility ist sie für den Ausbau der Aktivitäten mit Entwicklungsfinanzierungsinstitutionen in aller Welt sowie Stiftungen und Impact-Investoren in den USA und Grossbritannien verantwortlich. Zuvor war sie in diversen Vertriebs- und Handelspositionen im Corporate & Investment Banking tätig. Ihre Begeisterung für Nachhaltigkeit und Entwicklungsfinanzierung veranlasste sie zum Wechsel ins Impact-Investing, wo sie ein sinnerfülltes und extrem motivierendes Arbeitsumfeld vorfand. Carolina hat einen Bachelor-Abschluss in Business von Insper São Paulo, Brasilien und einen Master-Abschluss in International Affairs von der Universität St. Gallen, Schweiz. Ihre Masterarbeit schrieb sie über Blended Finance.