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Die Hipster allein werden die Klimakrise nicht lösen

Hipsters aren’t enough to solve the climate crisis

Ausmass und Umfang der Klimaveränderung sind beispiellos. Der Klimawandel betrifft jedes Land dieser Erde genauso wie er jede Mahlzeit tangiert, die wir zu uns nehmen. Er ist ein drängendes Problem, dessen Ausmass und uneinheitliches Fortschreiten aber kaum zu fassen sind. Wie können wir kurz vor einer globalen Katastrophe stehen, wenn die Sonne scheint und die Regale in den Supermärkten gefüllt sind? Wir müssen die Emissionen bis 2030 halbieren, aber viele scheinen zu meinen, dass diese Aufgabe das ökologische Pendant dazu ist, unsere Hausaufgaben im Schulbus zu erledigen.

Vielleicht sollten wir daher den gleichen Kontext nehmen, um das Problem besser zu veranschaulichen: Stellen wir uns vor, wir hätten eine Grundschulklasse mit einer Gruppe von zehn Kindern, die eine repräsentative Stichprobe der Weltbevölkerung darstellen. Wenn wir nichts unternehmen, werden sechs dieser Kinder, wenn sie mein Alter erreicht haben, regelmässig extremen Hitzewellen ausgesetzt sein; drei werden mit Wassermangel zu kämpfen haben und keiner von ihnen wird jemals ein Korallenriff zu sehen bekommen. Ob ihre Zukunft eine unverzeihlich andere sein wird, entscheidet sich heute, nicht morgen – und zwar daran, wie wir heute handeln.

Wir müssen die Emissionen bis 2030 halbieren, aber viele scheinen zu meinen, dass diese Aufgabe das ökologische Pendant dazu ist, unsere Hausaufgaben im Schulbus zu erledigen.

Paul Hailey, Head of Impact

Obwohl der Klimawandel ein globales Thema ist, gibt es diesbezüglich wichtige Unterschiede zwischen diesen Kindern. Im Schnitt produzieren die zwei reichsten Kinder fast so viele Emissionen wie die acht ärmsten – und zwar 45% der globalen CO2-Emissionen. Daher ist auch verständlich, dass hier ein wichtiger Schwerpunkt der Klimadebatte liegt. Denn wirklich bekämpfen lässt sich der Klimawandel nur, wenn die Industrieländer ihre Politik, ihren Lebensstil und ihre Infrastruktur grundlegend ändern.

Es wäre aber falsch, sich nur auf die zwei reichen Kinder zu konzentrieren. Immerhin sind die «anderen acht» für 55% der CO2-Emissionen verantwortlich. Vor 30 Jahren waren es erst 33% und dieser Prozentsatz wird weiter steigen. Der Energieverbrauch in den Entwicklungs- und Schwellenländern wird sich bis 2035 um 84% erhöhen. Das Wirtschaftswachstum und die demographische Entwicklung werden zu einem starken Anstieg der Treibhausgasemissionen führen. Aber können wir den «anderen acht» die Lebensqualität und die Chancen verweigern, von denen wir profitieren? Aktuell müssen drei Kinder in unserer Klasse mit weniger als USD 3,20 pro Tag auskommen. Ein Kind lebt in einem Haushalt ohne Strom und im Schnitt ist mehr als eines unterernährt. Wir sprechen hier nicht über unnötigen Konsum – wenn die Entwicklungs- und Schwellenländer grundlegende Bedürfnisse wie eine gute Ernährung, Zugang zu Energie und sauberem Wasser auf konventionellen Wegen decken, wird das zu höheren Emissionen führen – ganz egal, wie viele Europäer auf eine vegane Ernährung umstellen oder mit dem Zug reisen.

Um Wachstum zu erreichen und zugleich die Emissionen zu reduzieren, müssen wir innovative, nachhaltige Geschäftsmodelle vorantreiben, um mehr saubere Energie zu erzeugen und die Energieeffizienz zu verbessern. Zum Teil geht es hier um grosse Projekte auf nationaler Ebene, zum Teil aber auch um mittelgrosse Wasser- oder Windkraftwerke, die die Pro-Kopf-Versorgung mit Energie in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern deutlich verbessern können. Diese Projekte sorgen für einen verlässlicheren, günstigeren und nachhaltigen Energiemix und fördern zugleich die Entwicklung. In vielen ländlichen Teilen Afrikas, in denen es keine Durchleitungsnetze oder eine bislang nur unzuverlässige Energieversorgung gibt, können einkommensschwache Haushalte und KMU auf unterschiedliche netzunabhängige Lösungen zurückgreifen. Dadurch können Unternehmen vor Ort dafür sorgen, dass Familien erstmals Zugang zu Strom erhalten, und die Emissionen reduzieren, anstatt sie zu erhöhen.

Gleichzeitig gibt es inzwischen eine Vielzahl von Lösungen zur Verbesserung der Energieeffizienz in Entwicklungs- und Schwellenländern. Kleine Unternehmen, die Kredite für die Anschaffung effizienterer Maschinen oder Dämmsysteme erhalten, können ihre Stromrechnungen und Emissionen reduzieren, zum Teil in Ballungsgebieten mit hoher Luftverschmutzung. In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern spielt die Landwirtschaft noch immer eine wesentliche Rolle, ist aber in weiten Teilen sehr ineffizient und einer der Hauptverursacher von CO2- und Methanemissionen. Wenn Produzenten vor Ort geholfen wird, in bessere Lagereinrichtungen und Verarbeitungsanlagen zu investieren oder effizientere Bewässerungssysteme in Betrieb zu nehmen, erhöht das die Umsätze und verringert die Verschwendung.

Der Energieverbrauch in den Entwicklungs- und Schwellenländern wird sich bis 2035 um 84% erhöhen. Das Wirtschaftswachstum und die demographische Entwicklung werden zu einem starken Anstieg der Treibhausgasemissionen führen.

Paul Hailey, Head of Impact

Sehr wichtig ist es auch, Lösungen für Anpassungen an den Klimawandel in den Entwicklungs- und Schwellenländern zu identifizieren. Obwohl unsere gesamte Grundschulklasse die negativen Folgen des Klimawandels spüren wird, werden die acht ärmsten Kinder aufgrund ihres Hintergrunds deutlich schwerer mit diesen Veränderungen klarkommen. Viele Entwicklungs- und Schwellenländer haben einfach nicht die nötigen Mittel oder Institutionen, um die erforderlichen Veränderungen voranzutreiben. Für einige könnte es bereits zu spät sein – sollte eines unserer Kinder aus einem kleinen Inselstaat kommen, könnte sein Land bereits im Meer versinken.

Ohne Finanzierung werden die erforderlichen Anpassungsmassnahmen jedoch ausbleiben. Und genau das ist der grosse Unterschied zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern. Die staatliche Entwicklungshilfe geht zurück, obwohl jährlich USD 2,5 Billionen zusätzlich investiert werden müssten, um die SDGs zu erreichen. Hier besteht eindeutiger Bedarf für ein Engagement privater Investoren – denen sich dadurch wiederum neue Investitionschancen eröffnen. Aufgrund des vermeintlich höheren Risikos und der illiquiden lokalen Kapitalmärkte (sofern überhaupt vorhanden) ist es für viele Schwellenländer und Frontier-Märkte jedoch schwer, die benötigten langfristigen Investitionen zu erhalten. Daher entwickeln Asset Manager und Entwicklungsfinanzierer gemeinsam Blended-Finance-Produkte. Dabei handelt es sich um einen innovativen Ansatz, bei dem staatliche Entwicklungsfinanzierer gewöhnlich einen Teil des Erstverlustrisikos tragen. Das reduziert das Risikoprofil und macht es möglich, private Investitionen in wichtige Entwicklungsbereiche zu kanalisieren.

Trotzdem muss diese Revolution auch die Investmentwelt erfassen. In Zeiten, in denen Greta Thunberg, Alexandra Ocasio-Cortez und die Umweltschützer der Extinction Rebellion den öffentlichen Diskurs anheizen, verlangen Konsumenten und die breitere Öffentlichkeit ganz klar nach Lösungen. Der Finanzsektor und Investoren müssen darauf reagieren. Unsere acht Kinder aus Entwicklungs- und Schwellenländern haben ein Recht auf die gleiche Lebensqualität wie ihre Mitschüler aus Europa oder den USA. Den grössten Test, dem sich diese Generation stellen muss, bestehen wir nur, wenn wir ihnen einen grünen Entwicklungsweg aufzeigen.

Paul Hailey

Der Autor

Paul Hailey ist Head of Impact bei responsAbility Investments und Autor diverser Publikationen und Artikel. Vor dem Wechsel in seine derzeitige Position war er bei responsAbility unter anderem als Senior Research Analyst für den Finanzsektor tätig. Er hält einen MBA von der École des Hautes Études Commerciales de Paris (HEC Paris), wo er zudem als Dozent tätig ist, und einen B.A. (Hons) vom Pembroke College der Universität Cambridge.