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Es braucht eine Milliarde Glasdecken, um ein Gewächshaus zu bauen

Wir tun nicht genug, um Treibhausgasemissionen zu begrenzen. Der vor etwas mehr als einem Jahr erschienene Vorzeigebericht des Weltklimarats IPCC scheint schon fast naiv in der Hoffnung auf einen moderaten Anstieg der globalen Temperaturen. Die Weigerung, das Problem anzuerkennen, spiegelt unser Verhalten in Bezug auf ein anderes systemisches Problem wider: die Ungleichheit der Geschlechter. Wie jedes Jahr erinnert uns der Internationale Frauentag an die Notwendigkeit, diese in allen Bereichen zu bekämpfen. So hat auch der Klimawandel einen geschlechtsspezifischen Aspekt: Frauen sind aufgrund der zusätzlichen Barrieren, mit denen sie täglich konfrontiert sind, stärker davon betroffen. Gleichzeitig ist es möglich, den Klimawandel durch die Verringerung der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu bekämpfen – und umgekehrt.

Die Auswirkungen des Klimawandels werden diejenigen am meisten zu spüren bekommen, die am wenigsten dazu beitragen: Haushalte mit niedrigem Einkommen in Entwicklungsländern und insbesondere Frauen. Kleinbäuerinnen etwa fehlt es viel häufiger an Ausbildung, Zugang zu Werkzeugen oder Krediten, wodurch es ihnen erheblich schwerer fällt, sich an extreme Wetterverhältnisse anzupassen. Die rechtlichen, finanziellen und kulturellen Barrieren, die Frauen ärmer machen, besiegeln auch ihren Untergang, wenn der Meeresspiegel steigt, Wüsten sich weiter ausbreiten und die Nahrungsmittelversorgung versagt.

Glücklicherweise können Frauen in Entwicklungsländern auch Teil der Lösung sein. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie wir (wir alle!) sie unterstützen und dabei zur gleichen Zeit die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und den Klimawandel bekämpfen können. Eine längere Ausbildungszeit für Frauen in Entwicklungsländern könnte das weltweite Bevölkerungswachstum bis 2050 um bis zu einer Milliarde Menschen verringern, und die Ausbildung von Frauen hat sich als eine der wirksamsten Methoden erwiesen, um den Klimawandel zu begrenzen, ganz zu schweigen von der Ankurbelung des Wirtschaftswachstums. Gleichzeitig können Lösungen für eine grünere Zukunft auch eine gerechtere Welt schaffen: Wenn einige der 860 Millionen Menschen ohne Zugang zu Elektrizität an erneuerbare Energiequellen angeschlossen werden, reduziert das Emissionen. Und vor allem Frauen profitieren: von besserer Gesundheit (Frauen und Kinder stellen die Mehrheit der 4 Millionen jährlichen Todesfälle durch häuslicher Luftverschmutzung aufgrund von Kerosinlampen, offenem Feuer usw.) und geringerer Belastung durch Hausarbeit, was ihnen mehr Zeit lässt, Geld zu verdienen. Indem wir Frauen Zugang zu Bildung und sauberer Energie verschaffen, ermöglichen wir es ihnen, dem Klimawandel ein Stück weit entgegenzuwirken. 

Ich sage "ein Stück weit entgegenwirken", weil der Klimawandel selbst unausweichlich ist. Selbst im günstigsten Szenario werden bis 2050 eine halbe Milliarde mehr Menschen unter Wassermangel leiden und eine Milliarde mehr regelmäßigen, extremen Hitzewellen ausgesetzt sein. Inwieweit wir unsere Widerstandsfähigkeit gegenüber dieser Entwicklung stärken können, wird davon abhängen, ob wir Zugang zu allen Instrumenten erhalten, die uns in die Lage versetzen, solche Katastrophen (vorerst) in Europa und den USA zu überstehen. Einige davon sind gesellschaftliche Güter (stärkerer Hochwasserschutz, Straßen usw.), andere betreffen das Individuum.  Versicherungen, Sparanlagen und andere Finanzdienstleistungen etwa helfen erwiesenermassen dabei, ökonomische oder ökologische Schocks zu überstehen. In Entwicklungsländern liegt die geschlechtsspezifische Diskrepanz für ein einfaches Bankkonto seit 2011 immer noch bei 8% (entspricht etwa 200 Millionen Menschen), was es für Frauen schwieriger macht, mit Schocks umzugehen. Die Unterstützung von Mikrofinanzinstitutionen, insbesondere von solchen mit einem hohen Anteil weiblicher Kunden, verschafft Frauen eine größere wirtschaftliche Unabhängigkeit und trägt gleichzeitig zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit der Schwächsten bei.

Es sollte nicht überraschen, dass die Ungleichheit der Geschlechter auch beim Klimawandel, der größten Bedrohung, der man seit einer Generation ausgesetzt ist, eine Rolle spielt. Letze Woche sagte UN-Generalsekretär António Guterres, dass "die Gleichstellung der Geschlechter, einschließlich der Männer, die mehr Verantwortung übernehmen, von wesentlicher Bedeutung ist, wenn wir die Klimakatastrophe besiegen wollen". Wir wissen, dass die geschlechtsspezifische Verzerrung die Herausforderungen des Klimawandels verstärkt und verschärft. Der Ersatz von Glasdecken durch Sonnenkollektoren und die Stärkung von Frauen dort, wo die Ungleichheiten am größten sind, könnte uns alle retten.

Paul Hailey

Der Autor

Paul Hailey ist Head of Impact bei responsAbility Investments und Autor diverser Publikationen und Artikel. Vor dem Wechsel in seine derzeitige Position war er bei responsAbility unter anderem als Senior Research Analyst für den Finanzsektor tätig. Er hält einen MBA von der École des Hautes Études Commerciales de Paris (HEC Paris), wo er zudem als Dozent tätig ist, und einen B.A. (Hons) vom Pembroke College der Universität Cambridge.