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‘Finanzinnovation’ ist kein Monster

Financial Innovation is no Frankenstein

Foto mit freundlicher Genehmigung von maraisea.

Trotz des Hypes rund um Fintech und Kryptowährungen begegnen viele dem Konzept der Finanzinnovation immer noch mit gehöriger Skepsis – und zwar nicht nur die Millionen von Menschen, die durch die globale Finanzkrise 2008 in die Armut getrieben worden sind. Bei ihnen und vielen anderen weckt der Begriff «Finanzinnovation» Erinnerungen an Banken, die ein Flickwerk von fragwürdigen Krediten in abstrakten und komplexen Produkten bündelten und unter Abkürzungen wie MBS (für Mortgage-backed Securities) oder CLS (für Collateralized Loan Obligations) vermarkteten. Daraus entstand eine Art Frankensteins Monster des 21. Jahrhunderts, das verheerenden Schaden für die globale Wirtschaft anrichtete – wobei die Banker die Rolle des verrückten Wissenschaftlers spielten.

Trotzdem lebt die Finanzinnovation weiter – und hat den Weg für einen grundlegenden Wandel in der Investmentwelt und im Finanzdienstleistungssektor insgesamt geebnet. Durch die Finanzinnovation sind Produkte und Partnerschaften entstanden, die nicht nur eine finanzielle Rendite erwirtschaften, sondern auch Positives für die Gesellschaft und den Planeten bewirken sollen. Diese Innovationen öffnen Impact-Investments für verschiedene Anlegergruppen und haben das Wachstum dieses Anlagesegments so stark vorangetrieben, dass inzwischen auch die Wall Street aufmerksam geworden ist. Das stark wachsende Anlegerinteresse und der enorme Marktbedarf haben selbst die grössten Banken dazu veranlasst, im Impact Investing aktiv zu werden, wobei der Fokus hier häufig auf der finanziellen Inklusion liegt.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Weltbank schätzt die Kreditlücke für Kleinst-, Klein- und mittlere Unternehmen (KKMU) in den Schwellen- und Frontiermärkten auf 5 bis 8 Billionen US-Dollar. In den vergangenen zehn Jahren hat dieser offensichtliche Bedarf für Finanzdienstleistungen zu einer raschen Ausweitung des Angebots an Investmentlösungen zur Finanzierung von Mikrofinanzinstitutionen und KKMU-Banken in diesem Märkten geführt. Diese innovativen Produkte verfügen über das nötige Volumen, um einen positiven Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung in den jeweiligen Ländern zu leisten. Das Anlagevermögen der im Rahmen der jüngsten Anlegerumfrage des Global Impact Investing Network (GIIN) befragten Investoren, die in Mikrofinanz und andere nachhaltige Finanzprodukte investieren, beläuft sich auf 31 Milliarden US-Dollar oder 13 Prozent des gesamten Anlagevermögens der Umfrageteilnehmer. Ausserdem zeigte die Befragung, dass der Sektor in den vergangenen vier Jahren mit durchschnittlichen jährlichen Raten von 16 Prozent gewachsen ist. (Das Gesamtvolumen des Impact Investing wird auf 502 Milliarden US-Dollar geschätzt – wovon nur die Hälfte durch die GIIN-Befragung abgedeckt wird.)

Das Interesse der Investoren an nachhaltigen Anlagen in Finanzdienstleistungen nimmt ganz klar zu und der Bedarf in den Schwellenländern ist offensichtlich und beträchtlich. Um Ausmass und Wirkung des Impact Investing weiter zu erhöhen, wird es aber weiterer Innovationen bedürfen, damit diese Produkte für noch mehr Anleger investierbar werden.

Ein gutes Beispiel für derartige Innovationen ist die vor kurzem vereinbarte Partnerschaft zwischen responsAbility Investments, einem auf Impact Investments spezialisierten Asset Manager, der Overseas Private Investment Corporation (OPIC, einer US-amerikanischen Regierungsagentur) und JP Morgan zur Einführung einer Collateralized Loan Obligation (CLO) für Mikrofinanz und KKMU-Finanz. In den Augen vieler sind die ähnlich wie Anleihen strukturierten CLOs symptomatisch für das «Financial Overengineering», das mitverantwortlich für die globale Finanzkrise war. In diesem Fall aber verbrieft das Produkt ein Portfolio von Krediten an 26 Mikrofinanzinstitutionen mit einem Gesamtvolumen von 175 Millionen US-Dollar. Im Rahmen der Partnerschaft hat OPIC eine Teilgarantie für diese Kredite gestellt, um das Risiko zu reduzieren und private Anlagegelder zu mobilisieren – ein als Blended Finance bekannter Ansatz. Diese einzigartige und innovative Finanzierungskombination wird Organisationen zugutekommen, die insgesamt 5,6 Millionen Mikrofinanznehmer in 17 verschiedenen Ländern bedienen. Und: 81 Prozent der Kreditnehmer sind Frauen – was wiederum zwei Dinge sehr deutlich macht: dass viele Entwicklungsfragen Frauen in besonderem Masse betreffen und dass Lösungen für diese Fragen sehr attraktiv für Investoren sind, die sich speziell für die Stärkung von Frauen und die Verbesserung der wirtschaftlichen Perspektiven von Frauen engagieren möchten.

Partnerschaften wie diese können helfen, die Diskussion von der Frage, was Finanzdienstleistungen bewirken sollten, zur Frage, was sie bewirken können, umzulenken. Durch derartige Blended-Finance-Ansätze können Märkte für grosse und kleine Investoren geöffnet werden, die diesen zuvor verschlossen waren. (Schätzungen von Convergence zufolge hat dieser Ansatz bereits mehr als 100 Milliarden US-Dollar an Anlagegeldern mobilisiert.) Und durch derartige Ansätze können Finanzinstitute auch Zielgruppen jenseits der etabliertesten Unternehmen bedienen, indem sie Kredite für kleine Betriebe zur Verfügung stellen.

Natürlich ist Mikrofinanz nicht perfekt – wie in vielen anderen wachstumsstarken Branchen hat es auch in diesem Bereich Spekulationsblasen und Regulierungskrisen gegeben. Durch Angebote, die für viele Länder noch neu sind – die Bereitstellung eines relativ begrenzten Angebots an Produkten für ausgeschlossene Bevölkerungsgruppen – zeigen Mikrofinanz und KKMU-Finanz jedoch, was Finanzinnovationen bewirken können, wenn sie sich an den Interessen der Kunden orientieren. Innerhalb der nächsten fünf Jahre werden viele Millionen Menschen, die aktuell noch keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen haben, von neuen Finanzinnovationen profitieren. Grund ist die Einführung des 3G- und 4G-Mobilfunkstandards, die in vielen Schwellenländern den Weg für mobile Mikrofinanzprodukte ebnet. Das wiederum wird die Kosten senken und die weitere Ausweitung des Angebots in entlegenere Regionen ermöglichen. Dadurch werden letztlich auch die am stärksten ausgeschlossenen Bevölkerungsgruppen der Welt – von den peruanischen Kaffeebauern bis hin zu den Markthändlern in der Mongolei – in das globale Finanzsystem eingebunden werden können. Gleichzeitig wird diese Entwicklung eine Fülle neuer Anlagemöglichkeiten für vorausschauende Impact-Investoren eröffnen.

Diese Entwicklungen zeigen, dass Finanzinnovation kein Monster sein muss, das Märkte verwüstet. Ganz im Gegenteil: Der Erfolg neuer Impact-Investing-Produkte, die inklusive neue Finanzdienstleistungen ermöglichen, zeigt, dass Investoren eine positive Rendite erwirtschaften und zugleich einen Beitrag zu einer nachhaltigen globalen Entwicklung leisten können. Einfach ausgedrückt können Finanzinnovationen eine Kraft des Guten sein – und Investoren müssen nicht mehr zwischen ihrer Altersversorgung und ihren Wertgrundsätzen abwägen.

Paul Hailey

Der Autor

Paul Hailey ist Head of Impact bei responsAbility Investments und Autor diverser Publikationen und Artikel. Vor dem Wechsel in seine derzeitige Position war er bei responsAbility unter anderem als Senior Research Analyst für den Finanzsektor tätig. Er hält einen MBA von der École des Hautes Études Commerciales de Paris (HEC Paris), wo er zudem als Dozent tätig ist, und einen B.A. (Hons) vom Pembroke College der Universität Cambridge.

Ursprünglich veröffentlicht auf Next Billion.