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Migration – ein Motor des Fortschritts?

Migration – A Force for Progress?

Während Sie diese Zeilen lesen, sehen sich 150 weitere Menschen durch Konflikte oder Verfolgung dazu gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Nach Schätzungen der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen (UNHCR) gibt es weltweit derzeit fast 70 Millionen Vertriebene – das entspricht der gesamten Bevölkerung von Frankreich. Dabei das sind das nur die Menschen, die vor Gewalt oder angedrohter Gewalt fliehen. Die Folgen des Klimawandels werden noch viel mehr Menschen dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen, wenn Anbaugebiete zu Wüsten werden, Seen austrocknen und sich Naturkatastrophen häufen. UN-Schätzungen zufolge wird es bis 2050 weltweit 200 Millionen Klimaflüchtlinge geben – fast so viele wie die Bevölkerungen von Frankreich, Deutschland und Grossbritannien zusammengenommen. Natürlich geschieht nichts im Vakuum: Durch die Folgen des Klimawandels wird es noch mehr Konflikte geben und damit noch mehr Flüchtlinge. In Westafrika lässt sich das bereits beobachten – hier steht hinter den Gewaltausbrüchen in vielen Ländern auch der Streit um die knapper werdenden Ressourcen.

Obwohl die Flüchtlingszahlen auf einem 30-Jahres-Hoch liegen, bilden Flüchtlinge nur eine Minderheit der weltweiten Migranten. Viele Länder haben eine lange Tradition der Arbeitsmigration. In den Philippinen, Mexiko und Zentralasien entfällt ein grosser Anteil am BIP auf Rücküberweisungen von Wanderarbeitern. Die UN schätzt die Zahl der weltweiten Migranten per Ende 2017 auf 258 Millionen Menschen oder 3,4% der Weltbevölkerung.

«UN-Schätzungen zufolge wird es bis 2050 weltweit 200 Millionen Klimaflüchtlinge geben – fast so viele wie die Bevölkerungen von Frankreich, Deutschland und Grossbritannien zusammengenommen.» 

Paul Hailey, Head of Impact

Um es anders auszudrücken: Die Migrationsproblematik wird uns auch in Zukunft weiter beschäftigen. Spezifische Krisen wie in Syrien oder dem Südsudan tragen definitiv dazu bei. Aber selbst, wenn es nach dem Ende dieser Konflikte keine neuen geben sollte (was nicht der Fall sein wird), werden die Gründe für Migration bestehen bleiben oder sogar noch akuter werden. Der weltweite Urbanisierungstrend führt ebenfalls zu einer grösseren Mobilität. Die Welt – Regierungen, die Gesellschaft, Unternehmen und jeder Einzelne – wird Ansätze finden müssen, um diese Realität zu bewältigen und ihr Potenzial zu nutzen.

Dazu sollte zunächst einmal einer der grössten Mythen zum Thema Migration ausgeräumt werden: die Frage, wo viele von ihnen bleiben. Neben denjenigen, die von einem reichen Land in ein anderes reiches Land umsiedeln (wo sie dann auf wundersame Weise zu «Expats» werden), betrifft die Migration ganz überwiegend weniger entwickelte Länder. In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern leben viele Arbeitsmigranten, die einen Teil jedes Jahres in Nachbarländern verbringen – Tadschiken, die in Russland auf dem Bau arbeiten, oder Liberianer, die in der Elfenbeinküste bei der Kakaoernte aushelfen. Von den weltweiten Flüchtlingen werden derzeit 85% von einem Entwicklungs- oder Schwellenland aufgenommen. Im Jahr 2017 betraf auch die Urbanisierung zu 90% Entwicklungs- und Schwellenländer.

Bei der Entwicklung von Lösungen für die Migrationsproblematik wird daher viel Arbeit in den weniger entwickelten Ländern dieser Welt stattfinden müssen. Das bringt eigene Probleme mit sich, weil viele weniger entwickelte Länder schon Schwierigkeiten haben, für ihre eigenen Bürger zu sorgen. Um viele der dringendsten kurzfristigen Bedürfnisse von Flüchtlingen werden sich staatliche Agenturen und NGOs kümmern müssen. Jedwede Form der langfristigen gesellschaftlichen Integration von Migranten setzt aber voraus, dass diese Zugang zu den nötigen Ressourcen für eine wirtschaftliche Integration haben. Das aber ist schwierig. Viele Migranten leben in einer Grauzone. Dadurch sehen sie sich gezwungen, ihren Lebensunterhalt durch einfache Arbeiten im informellen Sektor zu bestreiten, und stecken in der Armutsfalle – denn ohne ein formales Beschäftigungsverhältnis ist es kaum möglich, einen Kredit aufzunehmen oder Geld anzusparen.

«Das Standardprofil eines Flüchtlings oder Migranten ähnelt sehr stark dem des klassischen Mikrofinanzkunden.»

Paul Hailey, Head of Impact

Natürlich trifft dies nicht nur auf Migranten zu. Ein Grossteil der einkommensschwachen Bevölkerung in Entwicklungs- und Schwellenländern hat mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, ganz egal, woher diese Menschen kommen. Dadurch können viele Lösungen, die sich bei der Integration und Inklusion einkommensschwacher Haushalte bewährt haben, auch auf Migranten angewandt werden. Das Standardprofil eines Flüchtlings oder Migranten ähnelt zum Beispiel sehr stark dem des klassischen Mikrofinanzkunden. Keine Sicherheiten? Richtig. Kein Grundbesitz? Definitionsgemäss unwahrscheinlich. Keine offiziellen Dokumente? Häufig verloren oder ungültig. Keine Aussicht auf ein formales Beschäftigungsverhältnis? Für Migranten gilt das noch mehr. Ein Geschäftsmodell wie Mikrofinanz, das Mikrounternehmer stärkt und auf die Integration von Menschen abzielt, die keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen haben, ist ein idealer Ansatz, um Migranten nicht nur bessere Lebensbedingungen zu ermöglichen, sondern sie zu einem wirtschaftlichen Leistungsträger zu machen, der einen aktiven Beitrag zur Entwicklung ihres Aufnahmelandes leistet. Darüber hinaus bieten viele Mikrofinanzinstitutionen (MFI) Dienstleistungen speziell für Migranten an, zum Beispiel die Abwicklung von Rücküberweisungen und Geldtransfers.

Equity Bank in Kenia ist ein gutes Beispiel. Die Bank gehört zu den grössten Finanzinstituten Kenias und sogar Ostafrikas, hat aber seit jeher auch ein bedeutendes Mikrofinanzportfolio. Auf die jüngsten Flüchtlingsströme aus Somalia und anderen Gegenden in den Norden Kenias hat Equity Bank mit der Eröffnung mehrerer regionaler Niederlassungen reagiert, die neben Dienstleistungen für Migranten auch Kurse anbieten, um diesen zum Beispiel grundlegende Kenntnisse zu finanziellen Zusammenhängen und dem richtigen Umgang mit Geld zu vermitteln. Ähnliche Initiativen gibt es bei MFI im Libanon, in Kolumbien, Bangladesch und vielen weiteren Ländern mit einem hohen Migrantenanteil.

Längerfristig gilt es natürlich, die eigentlichen Ursachen der Migration zu adressieren. Durch Entwicklungsinvestitionen kann versucht werden, die Armut und Perspektivlosigkeit zu bekämpfen, die ganze Familien dazu bringen, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um das Mittelmeer zu überqueren. Durch Investitionen, die Bauern helfen, effizienter zu wirtschaften, kann eine alleine durch den Hunger bedingte Massenabwanderung aus dem ländlichen Zentralamerika in die Städte oder in Richtung US-Grenze verhindert werden. Durch Investitionen in den Klimaschutz können die Umweltveränderungen gestoppt werden, die in den nächsten 30 Jahren weitere Millionen von Menschen aus ihren Heimatregionen vertreiben werden. In der Zwischenzeit können wir Migranten in weniger entwickelten Ländern bei der erfolgreichen Integration in Gesellschaft und Wirtschaft helfen. Davon werden die betreffenden Volkswirtschaften genauso profitieren, wie die unseren von den hiesigen Arbeitsmigranten profitiert haben. Und was haben diese Menschen erreicht, seitdem Sie mit dem Lesen dieses Artikels begonnen haben? In dieser kurzen Zeit wurden allein in den USA drei Patente von Migranten angemeldet (weltweit neun), ein Migrant hat sein eigenes Unternehmen gegründet und ein von einem Migranten geführtes Kleinunternehmen hat drei neue Arbeitsplätze geschaffen.

Paul Hailey

Der Autor

Paul Hailey ist Head of Impact bei responsAbility Investments und Autor diverser Publikationen und Artikel. Vor dem Wechsel in seine derzeitige Position war er bei responsAbility unter anderem als Senior Research Analyst für den Finanzsektor tätig. Er hält einen MBA von der École des Hautes Études Commerciales de Paris (HEC Paris), wo er zudem als Dozent tätig ist, und einen B.A. (Hons) vom Pembroke College der Universität Cambridge.