Landwirtschaft

Spriessendes Grün in der Wüste

Nachhaltiger Dattelanbau und die Zukunft Tunesiens

Im Oktober 2014 wurden in Tunesien die ersten wirklich demokratischen Wahlen seit mehreren Jahrzehnten abgehalten. Die positiven wirtschaftlichen Auswirkungen lassen zwar noch auf sich warten. Datteln – und die Landwirtschaft insgesamt – könnten aber ein wichtiges Instrument zur Stärkung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung des Landes darstellen.

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Wertvolles landwirtschaftliches Exportgut

In der kulinarischen Tradition und Geschichte des Nahen Ostens und Afrikas sind Datteln eine feste Grösse: Sie wurden schon im alten Ägypten angebaut und finden sowohl in der Bibel als auch im Koran Erwähnung.

Für Tunesien sind sie einer der wertvollsten landwirtschaftlichen Exporte, wobei die gefragte Sorte Deglet Nour den bei weitem grössten Produktionsanteil hat.

Doch Kleinbauern in Tunesien haben mit beträchtlichen Hürden zu kämpfen: fehlenden Bewässerungsmöglichkeiten, geringen Ernteerträgen, Krankheiten, saisonalen Nachfrageschwankungen und eingeschränktem Zugang zu Finanzierungen.

Fehlende Entwicklung in ländlichen Regionen

Die demokratischen Wahlen im Oktober 2014 waren das Ergebnis eines Prozesses, der durch die Revolution von 2011 in Gang gesetzt wurde. Nach fast 25 Jahren autokratischer Stagnation hatte diese zum Sturz des Präsidenten Ben Ali geführt.

Während der von Korruption, Vetternwirtschaft und fehlender Reformbereitschaft geprägten Jahre unter Ben Ali stagnierte die Entwicklung, vor allem im ländlichen Bereich.

Wiederbelebung der Wirtschaft

Obwohl politisch motivierte Gewaltexzesse deutlich nachgelassen haben, verhindern strukturelle Probleme wie die hohe Arbeitslosigkeit und die defizitäre Infrastruktur nennenswerte Entwicklungsfortschritte.

Daher wird die Landwirtschaft – die ein Fünftel zur Beschäftigung und 10% bzw. in ärmeren ländlichen Regionen sogar 50% zum BIP beiträgt – nach Jahren der Vernachlässigung eine entscheidende Rolle für die Wiederbelebung der Wirtschaft und die Anhebung des Lebensstandards spielen.

Nachhaltige Lösung 

Wie eine nachhaltige Lösung für diese Herausforderung im kleinen Massstab aussehen könnte, zeigt das Beispiel eines tunesischen Erzeugers – Beni Ghreb.

In den Jahren vor der Gründung von Beni Ghreb war das Leben für die Dorfgemeinschaft immer schwerer geworden.
 

Das 2002 gegründete Unternehmen Beni Ghreb ist ein Exporteur von Datteln mit Sitz in Hazoua, einem Dorf an der Grenze zu Algerien, 250 km von der Küste entfernt.

Von den 800 Familien in Hazoua arbeiten 360 für Beni Ghreb in der Verarbeitung von Datteln, die ihnen ausschliesslich von einer kleinen Gruppe von Kleinbauern, dem Groupement de Développement de l’Agriculture Bio-Dynamique (GDABD), geliefert werden.

«Ab den 1960er Jahren wurde der Zugang zu Wasser durch Grossprojekte in der Region immer schwerer, und die Qualität und Ernteproduktivität verschlechterten sich», erklärt Sadok Saidi, CEO von Beni Ghreb.

Gleichgültige Regierung

Ohne Unterstützung durch eine gleichgültige Regierung schrumpften die Einnahmen der Bauern. Die Jugendlichen kehrten dem Dorf in Massen den Rücken – viele von ihnen riskierten die berüchtigte Überfahrt nach Lampedusa.

Nach vielen Jahren erfolgreicher Geschäftstätigkeit (darunter zehn mit Fairtrade-Zertifizierung) hat Beni Ghreb die eigene Position als Produzent hochwertiger Bio-Datteln genutzt, um den Ankaufspreis für seine Bauern um 50% anzuheben.

Erfolgreiches Bewässerungssystem

Darüber hinaus hat Beni Ghreb ein neues Bewässerungssystem installiert, das die Anbaugebiete alle drei Tage bewässert – keine geringe Leistung in einer Gegend, in der pro Jahr nicht einmal 50 mm Regen fallen.

Die von der Erzeugergruppe produzierten Datteln haben jetzt ein Durchschnittsgewicht von 12g (verglichen mit einem Standardgewicht von 8g). Die Ernteerträge haben sich von 2010/11 bis 2012/13 von 189 MT auf 380 MT erhöht.

«Mit dem Bewässerungssystem habe ich in sechs Monaten das erreicht, wofür ich mich zuvor 15 Jahre lang eingesetzt habe“, berichtet ein Bauer, Mohammed Ben Bechi Saidi.»

In Verbindung mit anderen Projekten, zum Beispiel zur Einrichtung von Kompostierungsstationen und zum Schutz der Datteln mit Moskitonetzen, hat Beni Ghreb so die Beschäftigung und Produktion vor Ort gestärkt.

Umgang mit Schwankungen von Angebot und Nachfrage

Die saisonalen Angebots- und Nachfrageschwankungen stellen Beni Ghreb allerdings weiter vor Herausforderungen.

Trotz einer hohen Übereinstimmung von Angebots- und Nachfragespitzen (die Erntesaison dauert von Oktober bis Dezember und die Nachfrage erreicht rund um Weihnachten ihren Höhepunkt) kann die Lücke zwischen den Vorauszahlungen an die Bauern (zur Finanzierung der Ernte) und den Zahlungen durch die Abnehmer die Exportaktivitäten der Produzentenorganisationen erschweren.

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Eingeschränkter Zugang zu Finanzierung

Der Zugang zu Finanzierungen ist sehr stark eingeschränkt, was nicht zuletzt auf den immer noch relativ unterentwickelten inländischen Bankensektor zurückzuführen ist.

«Aus kommerzieller Perspektive ist es mitunter schwierig für uns, Käufer zu finden, die das Produkt sofort kaufen», sagt Sadok Saidi. «Wenn wir die Bauern nicht im Voraus bezahlen, wenden sie sich an andere Händler, auch wenn sie dadurch einen niedrigeren Preis erhalten.»

Kurzfristige Finanzierung zur Deckung des Betriebsmittelbedarfs

responsAbility arbeitet seit 2012 mit Beni Ghreb zusammen und ist seit 2003 in der nachhaltigen Landwirtschaft tätig.

«Die Finanzierung durch responsAbility hat uns die Möglichkeit gegeben, Produkte von weiteren 30 bis 40 Erzeugern zu höheren Preisen anzukaufen als sie sie anderswo erhalten hätten – diese Finanzierung hat vielen Bauern in der Region neue Hoffnung gegeben», sagt Sadok Saidi.

Die lokale Wirtschaft transformieren

Im Mai 2014 kamen anlässlich des Nationalen Tags der Landwirtschaft in Tunesien der Landwirtschaftsminister und weitere 60 Vertreter wichtiger nationaler und internationaler Institutionen nach Hazoua, um zu erfahren, wie Beni Ghreb die Transformation der lokalen Wirtschaft unterstützt hat.

in der Vergangenheit konsumierte der Staat alles und wir blieben auf der Strecke. Inzwischen schenkt der Staat privaten Initiativen wie Beni Ghreb mehr Beachtung und scheint zu begreifen, dass kleine Unternehmen, vor allem landwirtschaftliche Kooperativen eine grosse Bedeutung haben.

Erfolgreicher Übergang

Die Einigung auf eine neue Verfassung in Verbindung mit der Bildung einer Übergangsregierung hat Hoffnungen geschürt, dass dem Land der Übergang zu einer demokratischen Regierung gelingt. 

«Die Revolution hat Hoffnungen geweckt, auch wenn Fehler gemacht worden sind», sagt Sadok Saidi. «In der Vergangenheit durften wir uns nicht äussern, sondern nur applaudieren. Jetzt haben wir einen nationalen Dialog. Jetzt kommunizieren wir wirklich.»